abrunden meiner residency-zeit im kunstraum gepard14
finissage: feitag, 28. november, 18h
öffnungszeiten der ausstellung
freitag, 28. november, 18 – 21h
samstag, 29. november, 13 – 17h
sonntag, 30. november, 11 – 15h
während der ausstellung bin ich anwesend und freue mich über besuch.
weitere details zum kunstraum finden sich unter: https://www.gepard14.ch/pages/aktuell.php
Ein gedanklicher Spaziergang
Geht man durch die Ausstellung einnisten – eine auslegeordnung von Katharina Wüthrich im Gepard14, dominieren gedeckte, erdige Farben. Sie reichen vom hellen Ocker der Artischockensamen, die stellenweise perlmuttartig schimmern, bis zu den satten Brauntönen von Eicheln und Bucheckern. Ein wiederkehrendes Element ist das Bienenwachs, das als Bienenwaben hellgelb und in verarbeiteter Form dunkelgelb wirkt. Es gibt Arbeiten auf braunem Kraftpapier, hölzerne Bienenwabenrahmen, trockenes Laub und Pilze von Spaziergängen in der Umgebung. Kühles Grau durchbricht die erdige Wärme, präsent in zahlreichen Metallbehältern und einer grossen Arbeit auf Zeitungspapier. Auf den ersten Blick schwarz-weiss wirken die Drucke von Mikroskopaufnahmen, bevor man genauer hinschaut und ein kräftiges Grün und Violett entdeckt. Das kräftige Grün ist auch präsent in den Sämlingen, die in der Ausstellung wachsen. Einen weiteren Akzent bilden die Blautöne von Himmel und Wasser. Damit ist ein erster Rahmen abgesteckt, die Natur bildet den Ausgangspunkt, liefert Materialien und Bilder.
In der Mitte des grossen Raumes steht ein Arrangement aus fünf metallenen Zubern, die „Bütti“. Über den Zubern hängen kleinere und grössere Stücke von getrockneten Artischockenherzen, die wie pelzige Flugkörper wirken. Der grösste Zuber ist gefüllt mit Artischockensamen. Bei unserem Rundgang greift die Künstlerin mit beiden Armen in den Zuber und türmt die federleichten Flugsamen zu einer luftigen Wolke auf. Sinnbildlich überfliesst sie in die anderen Zuber, in denen frisches Grün spriesst. Die Eicheln stammen aus der unmittelbaren Umgebung des Ausstellungsraums. In einem anderen Zuber erwacht eine Vogelfuttermischung zum Leben. Die Samen faszinieren durch die Fülle ihrer Erscheinungsformen. Manche sind klein und mit unterschiedlichsten Flugmechanismen ausgestattet. Die Kerbelsamen sammelt Katharina Wüthrich als natürliches Konfetti, in einer Videoarbeit wirbeln Ulmensamen wie Schneeflocken im Wind. Andere sind rund, glänzend und schwer, wie die Eicheln, die grösseren Lebewesen als Nahrung dienen. Wenn sie nicht selber fliegen können, lassen sie sich von Tieren in alle Himmelsrichtungen tragen. Die Samen bergen einen scheinbaren Widerspruch in sich. So vertrocknet sie oft wirken, bergen sie doch ein immenses, verborgenes Potenzial. Sie stehen für den Kreislauf der Natur und die Hoffnung für die Zukunft.
In einem weiteren Zuber blickt man auf einen Bildschirm hinunter, der von einem Kranz aus Bucheckern, Eicheln und anderen Samen umgeben ist. Grashalme bewegen sich im Wind, Wolken ziehen vorbei – blickt man auf die Reflexion einer Teichoberfläche, auf der das Pflanzenmaterial schwimmt? Bei näherer Betrachtung offenbart sich das Gesehene als Blick von der Erde, vorbei an den Grashalmen in den Himmel. Paradox, wie einem der Himmel in dieser Umkehrung der Perspektiven zu Füssen liegt. Mit der Umkehrung spielt die Künstlerin auch in anderen Arbeiten. Ihr Blick richtet sich sowohl auf die kleinen Details wie auf die grossen Zusammenhänge. Die Reflexion darüber wohin wir gehen und wie wir leben ist ihr ein wichtiges Anliegen. Darauf verweist der Inhalt des fünften Zubers. Auf einer Wasseroberfläche schwimmt ein Stück Bienenwachs mit einer magnetisierten Nadel – ein Kompass aus einfachsten Mitteln. In einer Zeit, die von technologischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, politischer Polarisierung und einem Nachlassen des Gemeinschaftssinnes geprägt ist, hat sie das Bedürfnis, sich zu zentrieren und sich auf das zu besinnen, was ihr wichtig ist.
In den Ecken liegen zwei weitere umgekippte Zuber, die als Projektionsflächen dienen. Im einen wieder der Blick in den Himmel, diesmal vorbei am emsigen Treiben der Bienen. Darüber ziehen in ruhiger Bewegung die Wolken vorbei. Der Kontrast zwischen den weissen Wolken und dem Blau des Himmels erinnert die Künstlerin an die ersten Aufnahmen der Erde aus dem Weltall. Diese ganz neue Perspektive auf die Erde, die plötzlich so wunderbar bunt, klein und verletzlich wirkte, bewegte die Menschen und motivierte viele, der Natur mehr Sorge zu tragen, ihre Kostbarkeit zu verstehen und den Blick auf das grosse Ganze zu richten. Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, richten unseren Blick am Tag auf die Wolken und nachts auf die Sterne. Die Bienen stehen für das Transzendente. Sie sind eingebunden in den Superorganismus des Bienenstocks, eine einzelne Biene überlebt nicht lange. Was, wenn sich die Menschen in ähnlicher Weise als Teil einer Gemeinschaft verstehen würden, die aufeinander angewiesen ist und sich für das Wohl der anderen einsetzt?
Seit rund 15 Jahren pflegt Katharina Wüthrich als Imkerin ihre eigenen Bienen. Bei manchen der Werke haben sie mitgearbeitet. In Rahmen, die mit verschiedenen Gegenständen bestückt sind, haben sie ihre Waben gebaut. Die Bienen haben dabei ihren eigenen Kopf und unterschiedlich auf die Gegenstände reagiert. Die von der Künstlerin aufgeschlagene Seite von Max Frischs Roman wurde zu winzigen Papierfetzchen zerkleinert, rechts ist nun eine andere Seite aufgeschlagen, während sich auf der gegenüberliegenden Fragmente verschiedener Seiten in einer natürlich anmutenden Struktur überlagern. Manche Objekte werden eingebaut, bei anderen haben die Bienen lediglich den freien Platz genutzt. Die Seekarte ist komplett verschwunden, die Banknoten blieben unangetastet. Wie kleine Inseln wirken manche der unfertigen Waben und finden ihren Widerhall in den goldgelben Inseln der hinterlegten Seekarten.
Einmal aus den Waben herausgelöst und eingeschmolzen, ist das Bienenwachs ein vielseitiges Material, das weich und formbar ist und als Kerze Licht spenden kann. In einer Videoarbeit schwimmt es zur golden glänzenden Kugel geformt auf dem Wasser. Ein rätselhaftes Objekt, fast als wäre die Sonne in den Teich gefallen. Gleichzeitig magisch und fragil wirkt die Kugel, ob sie nicht schmilzt in der Sonne? Dann würde ihr die Quelle ihres goldenen Schimmers zum Verhängnis.
An anderer Stelle findet sich das Wachs zu Barren geformt, die wie Goldbarren auf einer Metallplatte aufgetürmt sind. Die Barren sind kostbar, ein Geschenk der Arbeit von unzähligen Bienen. In Nachbarschaft mit dem Kompass regt die Arbeit dazu an, den Wert der Dinge zu hinterfragen, in einer Zeit, in der die Schlagzeilen von mächtigen Multimillionären geprägt werden.
Daneben scheint das Bienenwachs aus einer Fischbränte auf den Boden geflossen zu sein. Auf die Bränte projiziert wird eine Videoaufnahme von violett schimmernden Fischen. In der statisch gefilmten Aufnahme sieht man das Wasser des Flusses vorbeiziehen, während die Fische die kleine Projektionsfläche nicht verlassen. Sie schwimmen gegen den Strom, um an der gleichen Stelle zu verharren – treten sie sprichwörtlich auf der Stelle? Sie wirken wie in der Installation gefangen. Auf die Gefangenschaft verweist auch die Bränte, die dem Fischer zum Transport seiner Beute dient. Das erstarrte Wachs hält sie an Ort und Stelle. Doch die Perspektive lässt sich umkehren. Die Fische sind frei, sich im Fluss zu bewegen. Trotz der bewegten Umgebung wählen sie den Stillstand. Die Fische sind an die fliessende Bewegung des Wassers angepasst, sie kämpfen nicht dagegen, sondern ruhen sich gerade aus und es ist ihre besondere Fähigkeit, inmitten des reissenden Stroms still zu stehen.
Das Wasser spielt in einem weiteren Zuber die Hauptrolle. Auch hier blickt man auf die bewegte Oberfläche eines Flusses. Die Wellen scheinen sich am rostigen Grat einer Kerbe zu brechen. Ein hypnotisierendes Spiel von Grund und Projektion. Dazu hört man eine Tonspur, in der die Künstlerin alle in der Schweiz zugelassenen Pestizide liest. Die Arbeit macht darauf aufmerksam, dass viele Pestizide nicht dort bleiben, wo sie eingesetzt worden sind und ihren Weg ins Wasser, in die Pflanzen und Körper von Mensch und Tier finden.
Katharina Wüthrich spricht sich dafür aus, dass wir unsere Handlungen mit Bedacht wählen. Auch die Worte, die wir sprechen. In der grossen Wandarbeit geht es um letztere, die Worte, die wie Samen im Wind verwehen oder auf fruchtbaren Boden fallen und Wurzeln – oder auch Wellen schlagen können. Die Kreise deuten die konzentrischen Kreise auf dem Wasser und Schallwellen an. Sie bewegen sich über eine Lage aus Zeitungspapier, deren unzählige Wörter und Schlagzeilen von bewegten Zeiten sprechen. Ausgangspunkt für die Arbeit war das Vorhaben, einen Text über das gedankliche Bild von Wörtern als Samen zu schreiben. Die Wandarbeit dient als Illustration zum Text und gibt Gelegenheit zur Reflexion.
Manche der Arbeiten sind ein Wagnis. So das Wurzelzelt im kleineren Raum. Eineinhalb Wochen vor der Ausstellung ist die Mitte des Zeltes kreisrund vom frischen Grün jungen Grases bedeckt. Es gilt das richtige Mass an Feuchtigkeit aufrecht zu erhalten, damit die Pflänzchen weiter gedeihen. Bei dieser Arbeit stehen die Wurzeln im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Zelt soll für die Ausstellung aufgerichtet und begehbar werden, sodass man unter die Grasoberfläche treten kann und von den Wurzeln umgeben ist. Damit wird ein elementarer Teil des Lebens der Pflanzen sichtbar, das uns sonst verborgen bleibt. Neben den Samen sind die Wurzeln ein Thema, mit dem sich die Künstlerin aktuell intensiv beschäftigt.
Andere Arbeiten sind noch im Prozess der Entstehung. Mikroskopische Aufnahmen von Artischocken begrüssen die Besuchenden am Eingang. In den winzigen stachelartigen Elementen spiegelt sich das Erscheinungsbild der ganzen Pflanze wider. Die sichtbar gemachte Struktur wirkt textil, wie eine Weberei vielleicht. Diese Beobachtung führte die Künstlerin zu einer Reihe von Zeichnungen, die mit textilen Elementen kombiniert werden. Sie greifen Strukturen aus der Natur auf, die zum Teil von blossem Auge sichtbar sind, zum Teil nur durch die Vergrösserung durch das Mikroskop. Eines der Muster stammt von der Unterseite eines Baumpilzes, den Katharina Wüthrich auf einem Spaziergang in der Umgebung gefunden hat.
Einiges ist noch offen. Wie geht es mit den Zeichnungen weiter? Hält die Zeitungspapiermasse auf der grossformatigen Arbeit? Wo führen die Spaziergänge, die Beobachtungen, die Experimente hin? Welche Verbindungen zwischen den Dingen offenbaren sich? Wie spinnen sich die Geschichten und Assoziationen in den Räumen weiter?
In der ganzen Ausstellung präsent sind eine gewisse Sorgfalt und eine Zartheit der Materialien, der Beobachtungen und Prozesse die zu den Arbeiten geführt haben. einnisten – eine auslegeordnung ist ein sensibles Plädoyer für eine Reflexion der eigenen Perspektive und für mehr Sorge zur Natur.
Text: Myriam Dössegger, Kunsthistorikerin
